Durchschnittliche Krankheitstage in Deutschland: Der Rekord, der keiner mehr ist
Anfang 2026 streiten Politik und Wirtschaft über eine einzige Zahl. Der Bundeskanzler nennt die Fehltage der Deutschen zu hoch, Arbeitgeber fordern den Lohnentzug am ersten Krankheitstag zurück, und in jeder zweiten Talkshow fällt das Wort vom kranken Mann Europas. Wer an diesem Morgen mit Fieber im Bett liegt und zum vierten Mal in diesem Jahr in der Praxis anruft, fragt sich unweigerlich: Bin ich eigentlich noch normal? Oder gehöre ich zu denen, die das Land angeblich krankfeiern?
Sind die Deutschen wirklich so oft krank wie nie, und wie viele Krankheitstage sind eigentlich normal?
Durchschnittliche Krankheitstage in Deutschland: die Kurzantwort
Beschäftigte fehlten 2025 im Schnitt rund 20 bis 23 Arbeitstage wegen Krankheit, je nach Krankenkasse. Das klingt nach Rekord, ist aber keiner: Der Höchststand lag 2022 (rund 24,5 Tage bei der AOK) und sinkt seither.[1] Ein großer Teil des Anstiegs der letzten Jahre ist keine neue Krankheit, sondern bessere Erfassung.
Die eine Zahl, über die gerade ganz Deutschland streitet, misst in Wahrheit drei verschiedene Dinge gleichzeitig. Wer sie als Beleg für Faulheit liest, hat zwei davon übersehen.
Inhalt:
- Der halbe Rekord ist nur ein besserer Aktenordner
- Wie viele Krankheitstage sind normal? Stellen Sie es selbst fest
- Der echte Kern: die Psyche, nicht die Wehleidigkeit
- Sechs Wochen voller Lohn: warum Deutschland überhaupt so genau zählt
- Im fairen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld, nicht an der Spitze
- Was, wenn der hohe Krankenstand teilweise ein gutes Zeichen ist?
- Fazit: die falsch gestellte Frage
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen
Der halbe Rekord ist nur ein besserer Aktenordner
Bis vor Kurzem funktionierte die Krankmeldung so: Der Arzt stellte den gelben Schein aus, und Sie mussten ihn selbst zur Krankenkasse bringen. Gerade bei einer dreitägigen Erkältung blieb der Zettel oft in der Jackentasche. Die Kasse erfuhr nie davon. Seit 2022 läuft das anders. Die Praxis meldet die Arbeitsunfähigkeit automatisch und digital an die Kasse, den Arbeitgeber-Abruf gibt es seit Anfang 2023.[5] Dieser Vorgang heißt elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, kurz eAU, und ist eines der wenigen Stücke Gesundheitsdigitalisierung, das im Alltag tatsächlich greift.
Klingt nach Bürokratie. Verändert aber die Statistik dramatisch. Denn plötzlich landen all die kurzen Fälle in den Daten, die früher unsichtbar blieben.
Das Wissenschaftliche Institut der AOK hat nachgerechnet, wie groß dieser Effekt ist. Ergebnis: Ohne die digitale Erfassung läge der Krankenstand rund 2,5 Tage niedriger.[1] Die kurzen Erkrankungen erklären fast den gesamten Sprung: Auf sie entfielen 2016 noch 6,7 Fehltage, 2025 schon 9,1.[1] Eine Analyse von DAK und IGES führt sogar rund 60 Prozent des Anstiegs der Jahre 2021 und 2022 allein auf die bessere Erfassung zurück.[6]
Wichtig ist, was das nicht heißt. Bessere Erfassung bedeutet nicht erfundene Krankheit. Es bedeutet sichtbar gewordene echte, aber kurze Erkrankungen. Und die telefonische Krankschreibung, der ewige Generalverdacht der Debatte? Für einen Missbrauch oder einen messbaren Effekt auf den Krankenstand gibt es bis heute keinen Beleg.[1] Wie sich diese Premiumzahlen in das größere Bild des teuersten durchschnittlichen Gesundheitssystems einfügen, ist eine eigene Geschichte.
Der Rekord ist vorbei, und gut zwei Tage des Niveaus sind reiner Erfassungseffekt. Quelle: WIdO Fehlzeiten-Bilanz 2025. Grafik frei verwendbar unter Nennung der Quelle: gegenbefund.de
| Bezug | Krankheitstage je Versicherten |
|---|---|
| 2022 (Höchststand) | 24,5 |
| 2024 | 23,9 |
| 2025 (gemessen) | 23,3 |
| 2025 ohne eAU-Erfassungseffekt | 20,8 |
Bleibt die Frage, die sich beim vierten Anruf in der Praxis jeder selbst stellt: Sind 15, 20, 25 Tage viel? Das lässt sich beantworten.
Wie viele Krankheitstage sind normal? Stellen Sie es selbst fest
Der Durchschnitt führt hier in die Irre. Denn er wird von wenigen Langzeitfällen nach oben gezogen.
Die Verteilung zeigt das deutlich. 2023 hatten 35 Prozent der Beschäftigten gar keine Krankschreibung, ein weiteres Viertel nur eine einzige.[1] Am anderen Ende liegen die langen Fälle: Krankschreibungen über sechs Wochen machen nur 3,4 Prozent aller Fälle aus, verursachen aber fast 40 Prozent aller Fehltage.[1] Der oft zitierte Schnitt von gut 20 Tagen beschreibt also kaum jemanden wirklich. Die meisten liegen darunter, einige weit darüber.
Stellen Sie den Regler auf Ihre eigenen Krankheitstage und sehen Sie, wo Sie in dieser Verteilung stehen.
Die Lehre aus der Verteilung ist einfach: Normal ist keine einzelne Zahl, sondern eine Spanne. Und hinter dem Rekord steckt keine faule Nation, sondern etwas, das wirklich zugenommen hat.
Der echte Kern: die Psyche, nicht die Wehleidigkeit
An dieser Stelle wird die eigene These unbequem. Denn nicht alles ist Erfassung. Ein realer Teil des Krankenstands ist echt gestiegen, und er hat einen Namen: psychische Erkrankungen.
Seit dem Jahr 2000 haben sich die Fehltage wegen psychischer Diagnosen mehr als verdoppelt, ein neuer Aufwärtstrend setzte um 2017 ein.[1] Diese Fälle sind teuer, weil sie lang dauern: Im Schnitt fällt ein psychisch erkrankter Beschäftigter rund 28 Tage aus, fast dreimal so lange wie im Durchschnitt aller Fälle.[1] Hinter dem Anstieg steckt eine Mischung aus echter Belastung, gestiegener Arbeitsverdichtung und der guten Nachricht, dass eine psychische Diagnose seltener verschwiegen wird als früher.
Den Löwenanteil der Fehltage tragen drei Gruppen: Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, Atemwegsinfekte und psychische Leiden.[1] Die Atemwege erklären auch, warum einzelne Jahre aus der Reihe tanzen: Die heftigen Grippe- und Erkältungswellen 2022 und 2023 trieben die Zahlen hoch, ihr Abklingen erklärt den leichten Rückgang seither.
Anteil der Krankheitstage nach Diagnosegruppe. Bei anderen Kassen liegt die Psyche höher (BKK 17, TK 20 Prozent). Quelle: WIdO Fehlzeiten-Report 2025. Grafik frei verwendbar unter Nennung der Quelle: gegenbefund.de
| Diagnosegruppe | Anteil an allen Krankheitstagen |
|---|---|
| Muskel-Skelett-Erkrankungen | 19,8 % |
| Atemwegserkrankungen | 15,1 % |
| Psychische Erkrankungen | 12,5 % |
| Verletzungen | 10,9 % |
| Sonstige | 41,7 % |
Hier setzt eine beliebte Erklärung an: Die junge Generation halte einfach weniger aus, hänge im Dauer-Burnout durch, daher die vielen Fehltage. Die Erzählung ist eingängig. Der Datenlage hält sie nicht stand, und zwar an drei Punkten.
Erstens, das Alter. Nicht die Jungen fehlen am meisten, sondern die Älteren. Die Krankenstandsquote steigt mit dem Alter, ab 40 deutlich, über 50 am stärksten.[1] Beim jüngsten Sprung der Depressions-Fehltage 2024 legten ausgerechnet die über 60-Jährigen am kräftigsten zu, von 169 auf 249 Fehltage je 100 Versicherte.[12] Wer die Fehltage einer Generation zuschreibt, nennt die falsche.
Zweitens, die Breite. Der Anstieg ist real, trifft aber alle Altersgruppen. Die Fehltage wegen Depression stiegen 2024 um die Hälfte, von 122 auf 183 Tage je 100 Versicherte.[12] Das ist kein Generationenphänomen, sondern eine Entwicklung quer durch die Belegschaften.
Drittens, die Falldauer. Jüngere haben zwar viele, aber kurze Fälle. Bei unter 30-Jährigen entfällt rund ein Siebtel der Fehltage auf die Psyche, doch die durchschnittliche Falldauer steigt mit dem Alter auf bis zu 58 Tage.[12] Die Masse der psychischen Fehltage entsteht nicht durch kurze Krankschreibungen junger Leute, sondern durch die wenigen langen Fälle im mittleren und höheren Alter.
Bleibt die ehrlichste Frage: Steckt hinter dem Anstieg mehr Krankheit oder nur mehr Diagnose? Die Antwort ist beides, in unbekanntem Verhältnis. Ein Teil ist bessere Erfassung und nachlassende Stigmatisierung, Menschen holen sich Hilfe, statt stumm durchzuhalten. Ein Teil ist veränderte Kodierpraxis, ein Teil echte Zunahme vor allem bei Jüngeren.[12] Für eine generelle Explosion psychischer Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung sieht das Deutsche Ärzteblatt allerdings keine klare Evidenz.[12] Eines erklärt der Befund jedenfalls nicht: Schwäche. Das Etikett „verweichlicht“ ist sogar Teil des Problems, weil es Menschen dazu bringt, krank zur Arbeit zu gehen, statt sich auszukurieren.
Drei von hundert Krankschreibungen verursachen vierzig von hundert Fehltagen. Der Streit dreht sich um den ersten Krankheitstag. Das eigentliche Problem liegt jenseits der sechsten Woche.
Sechs Wochen voller Lohn: warum Deutschland überhaupt so genau zählt
Hinter der hohen deutschen Zahl steckt ein Versprechen, das international keineswegs selbstverständlich ist. Wer in Deutschland krank wird, bekommt bis zu sechs Wochen lang den vollen Lohn weiter, gezahlt vom Arbeitgeber. Erst danach übernimmt die Krankenkasse das Krankengeld. Geregelt ist das im Entgeltfortzahlungsgesetz.
Dieses Versprechen kostet. Die Arbeitgeber zahlten 2023 rund 77 Milliarden Euro Entgeltfortzahlung, dazu kamen etwa 19 Milliarden Euro Krankengeld, finanziert aus Ihren Krankenkassenbeiträgen.[8] Verteilt auf die rund 35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind das gut 2.000 Euro pro Kopf und Jahr. Eine reale Summe, über die zu reden legitim ist.
Genau dieses lückenlose System ist der Grund, warum Deutschland so vollständig zählt. Jede Krankschreibung läuft über die Kasse, seit der eAU automatisch. Was anderswo nie im System landet, steht hier in der Statistik.
Daran entzündet sich der aktuelle Streit. Arbeitgeber wie Allianz-Chef Oliver Bäte forderten Anfang 2025 die Rückkehr des Karenztags, also keinen Lohn am ersten Krankheitstag.[11] Anfang 2026 prüfte die Koalition entsprechende Modelle, bevor Bundeskanzler Merz im April öffentlich abwinkte und Kürzungen der Lohnfortzahlung wie einen Karenztag ausschloss.[11] Beschlossen ist bis heute nichts. Was die Debatte aber durchweg übersieht, ist die Frage, ob die Zahl, um die gestritten wird, überhaupt das misst, was alle annehmen.
MYTHOS: Der Krankenstand steigt immer weiter, ein neuer Rekord jagt den nächsten.
FAKT: Der Höchststand lag 2022 bei rund 24,5 Fehltagen pro Kopf (AOK). Seither sinkt er: 23,9 Tage 2024, 23,3 Tage 2025. Was 2022 hochschnellte, war vor allem die Umstellung auf die digitale Krankmeldung, nicht eine kränker werdende Nation.
Quelle: WIdO Fehlzeiten-Bilanz 2025
Im fairen Vergleich liegt Deutschland im Mittelfeld, nicht an der Spitze
Die Schlagzeile vom Krankheits-Europameister stammt aus den Verwaltungsdaten. Nach Zahlen der OECD führte Deutschland 2022 mit knapp 25 erfassten Krankentagen pro Kopf tatsächlich das Feld an.[7]
Nur: Diese Verwaltungsdaten vergleichen Äpfel mit Birnen. Deutschland erfasst über die Kassen jeden einzelnen Fall, auch die dreitägige Erkältung. Die meisten anderen Länder schätzen ihren Krankenstand über Befragungen, und in einer Befragung erinnert sich kaum jemand an jeden kurzen Infekt. Nimmt man dagegen einen international vergleichbaren Maßstab, rutscht Deutschland ins obere Mittelfeld. Im OECD-Vergleich der Krankheitswochen liegt es auf Platz sieben, in der europäischen Arbeitskräfteerhebung bei 6,8 Prozent Arbeitszeitverlust, hinter Ländern wie Norwegen, Slowenien und Frankreich.[6]
Das IGES-Institut bringt es auf den Punkt: Deutschland ist Europameister in der vollständigen Erfassung, nicht im Kranksein. Das Ärzteblatt titelte trocken, die OECD sehe beim deutschen Krankenstand kein Rekordniveau.[6]
Schalten Sie die Messmethode selbst um und sehen Sie, wie Deutschlands Platzierung wandert.
Wenn der Rekord also zur Hälfte Statistik ist und Deutschland fair verglichen im Mittelfeld liegt, bleibt die eigentliche Frage. Ist ein hoher Krankenstand überhaupt schlecht?
Was, wenn der hohe Krankenstand teilweise ein gutes Zeichen ist?
Die Annahme hinter der ganzen Debatte lautet: Viele Krankheitstage gleich Schaden. Doch so eindeutig ist das nicht.
Wer krank zu Hause bleibt, statt das Büro anzustecken, erhöht die gemessene Zahl und senkt zugleich den Schaden. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz beziffert das Gegenteil, das Arbeiten trotz Krankheit, als mindestens so teuer wie das Fehlen, oft teurer: durch Fehler, Ansteckung und verschleppte Erkrankungen, die am Ende länger dauern.[9] Ein hoher Krankenstand kann also bedeuten, dass ein System funktioniert, weil kranke Menschen sich auskurieren dürfen.
Die Politik-Forschung liefert dazu ein unbequemes Detail. Dort, wo der Arbeitgeber den ersten Krankheitstag zahlt, sinkt die Zahl der Fehltage, weil leichte Erkrankungen zu Hause auskuriert werden statt im Großraumbüro zu eskalieren.[10] Ein Karenztag zielt in die entgegengesetzte Richtung.
Und senkt er den Krankenstand überhaupt? Die Forschung sagt: kaum. Eine Senkung der Lohnfortzahlung um ein Prozent senkt die Fehlzeiten um etwa ein Prozent, bei 20 Fehltagen also um rund zwei Tage, erkauft mit mehr Präsentismus und Ansteckung.[10] Schweden hat seinen Karenztag 2019 reformiert, Tschechien ihn 2008 eingeführt und 2019 wieder abgeschafft.[10]
Die Kosten sind real. Niemand bestreitet die 77 Milliarden Euro Lohnfortzahlung, und das Kieler Institut für Weltwirtschaft schätzt, dass der Rekordkrankenstand 2022 das Wirtschaftswachstum um 0,7 bis 1,1 Prozentpunkte dämpfte, ein Wertschöpfungsausfall von 27 bis 42 Milliarden Euro.[13] Das ist die seriöse Obergrenze. Wenn der Pharmaverband vfa daraus 160 Milliarden über vier Jahre macht, rechnet er ein Maximalszenario der eigenen Branche.[13]
Doch ob ein hoher Krankenstand die Wirtschaft wirklich bremst, ist umstritten. Schon das Kieler Institut räumt ein, dass Betriebe Ausfälle über Überstunden und Nacharbeit auffangen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung weist zudem darauf hin, dass hohe Krankenstände historisch mit guter Konjunktur und einem angespannten Arbeitsmarkt einhergehen. Die Kausalität läuft womöglich umgekehrt: Fachkräftemangel und Überlastung machen krank, nicht die Krankheit schwächt die Wirtschaft.[10]
Karenztag, was die Evidenz sagt
Ein Karenztag (kein Lohn am ersten Krankheitstag) senkt die gemessenen Fehltage nur leicht, in der Größenordnung von ein bis zwei Tagen. Er trifft die kurzen Fälle, nicht die teuren Langzeitfälle, und erhöht den Präsentismus.
Die internationalen Erfahrungen (Schweden, Tschechien) sind ernüchternd. Wo Arbeitgeber den ersten Tag zahlen (Frankreich), sinken die Fehltage sogar. Quelle: WIdO/Ziebarth 2026, BAuA.
Fazit: die falsch gestellte Frage
Die Deutschen sind krank wie nie, das kostet Milliarden, ein Karenztag muss her. So lautet der Befund, der gerade durch die Debatte geistert.
Die Daten erzählen eine andere Geschichte. Der Rekord ist längst vorbei, sein Höhepunkt lag 2022. Ein großer Teil des Anstiegs ist bessere Erfassung statt mehr Krankheit. Fair verglichen liegt Deutschland im Mittelfeld, nicht an der Spitze. Was wirklich gestiegen ist, sind die langen psychischen Fälle, und die trifft ein Karenztag am ersten Tag überhaupt nicht. Kranke zur Arbeit zu zwingen ist teurer, nicht billiger.
Deshalb ist „Sind die Deutschen zu oft krank?“ die falsch gestellte Frage. Die richtige lautet: Misst diese eine Zahl überhaupt das, was wir alle in sie hineinlesen? Die Antwort ist dreimal nein.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Krankheitstage im Jahr sind normal?
Einen einzelnen Normalwert gibt es nicht. 2023 hatten rund 35 Prozent der Beschäftigten gar keine Krankschreibung, ein weiteres Viertel nur eine. Der oft genannte Durchschnitt von gut 20 Tagen wird von wenigen Langzeitfällen nach oben gezogen, der typische Beschäftigte liegt deutlich darunter.[1]
Wie hoch ist der durchschnittliche Krankenstand in Deutschland 2025?
Je nach Krankenkasse fehlten Beschäftigte 2025 im Schnitt rund 20 bis 23 Arbeitstage. Bei der AOK waren es 23,3 Tage, leicht weniger als im Vorjahr (23,9) und unter dem Höchststand von 24,5 Tagen aus dem Jahr 2022.[1]
Sind die Deutschen wirklich öfter krank als andere?
In den Verwaltungsdaten ja, weil Deutschland über die Kassen jeden Fall vollständig erfasst. In den international vergleichbaren Befragungsdaten liegt Deutschland nur im oberen Mittelfeld, hinter Ländern wie Norwegen.[6]
Was ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU)?
Seit 2022 meldet die Arztpraxis eine Krankschreibung automatisch und digital an die Krankenkasse, statt dass Versicherte den gelben Schein selbst einreichen. Dadurch landen vor allem kurze Erkrankungen vollständig in der Statistik, die früher oft nicht gemeldet wurden. Das erklärt einen erheblichen Teil des gestiegenen Krankenstands.[1]
Was ist ein Karenztag, und ist er in Deutschland beschlossen?
Ein Karenztag bedeutet, dass am ersten Krankheitstag kein Lohn gezahlt wird. In Deutschland gilt das nicht. Arbeitgeber und Teile der Politik haben einen Karenztag 2025 und 2026 gefordert, der Bundeskanzler hat Kürzungen der Lohnfortzahlung im April 2026 jedoch ausgeschlossen. Beschlossen ist nichts.[11]
Senkt ein Karenztag den Krankenstand?
Nur wenig. Studien zeigen, dass Lohnkürzungen die Fehltage in der Größenordnung von ein bis zwei Tagen senken, dafür aber den Präsentismus erhöhen, also das ansteckende Arbeiten im Krankheitsfall. Wo Arbeitgeber den ersten Krankheitstag zahlen, sinken die Fehltage sogar.[10] —
Quellen
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WIdO / AOK — Fehlzeiten-Bilanz 2025 und Fehlzeiten-Report
Krankheitstage je AOK-Versicherten (24,5 Höchststand 2022, 23,9 in 2024, 23,3 in 2025), Erfassungseffekt der elektronischen Krankmeldung (rund 2,5 Tage; Kurzzeit-AU 6,7 Tage 2016 auf 9,1 Tage 2025), Fallverteilung 2023 (rund 35 % ohne Krankschreibung), Langzeitfälle (3,4 % der Fälle, rund 40 % der Fehltage), kein Beleg für einen Effekt der telefonischen Krankschreibung.
→ wido.de/…/fehlzeiten-bilanz-2025 -
DAK-Gesundheitsreport 2025
Krankenstand der DAK-Versicherten (5,5 % 2023, 5,4 % 2024). Einordnung des Anstiegs als überwiegend statistischer Effekt der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsmeldung (DAK/IGES: rund 60 % des Sprungs 2021/2022).
→ dak.de/…/gesundheitsreport-2025 -
TK-Gesundheitsreport 2025 (Techniker Krankenkasse)
Krankenstand der TK-Versicherten (5,31 % 2023, 5,23 % 2024). Beleg für die kassenabhängige Streuung der Krankenstandsquote.
→ tk.de/…/gesundheitsreport-2025 -
BKK-Dachverband — Gesundheitsreport / Arbeitsunfähigkeitsdaten
Krankenstand der BKK-Versicherten (rund 6,1 %). Höherer Psyche-Anteil an den Fehltagen (rund 17 %) im Vergleich zur AOK, Beleg für die Kassenstreuung der Diagnosegruppen.
→ bkk-dachverband.de/publikationen/bkk-gesundheitsreport -
GKV-Spitzenverband — Elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU)
Funktionsweise und Bilanz der eAU: automatische Übermittlung der Krankschreibung von der Praxis an die Kasse seit 2022, Arbeitgeberabruf seit Anfang 2023. Grundlage für die vollständige Erfassung kurzer Erkrankungen.
→ gkv-spitzenverband.de/…/eau -
IGES-Institut — OECD-Vergleich zum Krankenstand (2025/2026)
Internationaler Vergleich: Deutschland in den Verwaltungsdaten an der Spitze (24,9 erfasste Tage 2022), im harmonisierten Maßstab nur im oberen Mittelfeld. Methodenunterschied (Vollerhebung über Kassen vs. Befragung), Befund „Europameister in der Erfassung, nicht im Kranksein“.
→ iges.com/…/oecd-daten-zum-krankenstand -
OECD Health at a Glance 2025 / Eurostat — Europäische Arbeitskräfteerhebung (EU-LFS)
Harmonisierte Vergleichsdaten: administrative Krankentage gegenüber dem Arbeitszeitverlust laut Befragung (Deutschland 6,8 %, Norwegen 10,7 %, Slowenien 9,2 %, Frankreich 7,1 %), OECD-Krankheitswochen (Deutschland Platz sieben). Beleg für den Methodenbias.
→ Daten über IGES (OECD-Originalseite regional eingeschränkt erreichbar) -
IW Köln — Kosten der Entgeltfortzahlung (2023)
Arbeitgeberkosten der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall: rund 77 Milliarden Euro (2023), dazu rund 19 Milliarden Euro Krankengeld der Kassen. Verdopplung der Entgeltfortzahlungskosten binnen 14 Jahren.
→ iwkoeln.de/…/kosten-der-entgeltfortzahlung-binnen-14-jahren-verdoppelt -
BAuA — Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin: Präsentismus
Befund, dass Arbeiten trotz Krankheit (Präsentismus) mindestens so teuer ist wie krankheitsbedingtes Fehlen, teils teurer: durch Produktivitätsverlust, Fehler, Ansteckung und verschleppte, dadurch längere Erkrankungen.
→ baua.de/…/Praesentismus -
Pichler & Ziebarth / WIdO-GGW; IAB (Enzo Weber) — Wirkung von Karenztagen und Konjunkturbezug
Evidenz zur Karenztag-Wirkung: Elastizität von Lohnersatz und Fehlzeiten nahe eins (eine Senkung um ein Prozent senkt die Fehlzeiten um etwa ein Prozent), dokumentierte Nebenwirkung Präsentismus; Frankreich-Befund (Arbeitgeber zahlt den ersten Tag, rund drei Fehltage weniger). IAB (Enzo Weber): hoher Krankenstand geht historisch mit guter Konjunktur einher, Korrelation ist nicht Kausalität.
→ iab.de (Enzo Weber) · WIdO-GGW / Ziebarth 2026 -
Entgeltfortzahlungsgesetz (EFZG) und Stand der Karenztag-Debatte 2026
Rechtliche Grundlage der sechswöchigen Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber. Zum Stand 2026 ist kein Karenztag beschlossen: Arbeitgeber und Teile der Koalition forderten ihn, Bundeskanzler Merz schloss Kürzungen der Lohnfortzahlung im April 2026 öffentlich aus.
→ gesetze-im-internet.de/entgfg · Merz-Position: Spiegel / Deutschlandfunk (29.04.2026) -
DAK-Psychreport 2025 (IGES) und Deutsches Ärzteblatt
Psychische Erkrankungen: Fehltage wegen Depression 2024 um die Hälfte gestiegen (122 auf 183 Tage je 100 Versicherte), stärkster Anstieg bei den über 60-Jährigen (169 auf 249). Deutsches Ärzteblatt: für eine generelle Explosion psychischer Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung gibt es aktuell keine klare Evidenz.
→ dak.de/…/psychreport-2025 · aerzteblatt.de (Evidenzlage) -
IfW Kiel (Institut für Weltwirtschaft) und vfa-MacroScope — volkswirtschaftliche Kosten des Krankenstands
Kieler Institut für Weltwirtschaft: Schätzung des Wachstumseffekts des Rekordkrankenstands 2022 (Dämpfung des Bruttoinlandsprodukts um 0,7 bis 1,1 Prozentpunkte, rund 27 bis 42 Milliarden Euro Wertschöpfungsausfall), mit ausdrücklichem Hinweis auf Kompensation durch Überstunden und Nacharbeit. vfa-MacroScope (Pharmaverband): Maximalszenario von bis zu 160 Milliarden Euro über vier Jahre, als interessengeleitete Obergrenze einzuordnen.
→ ifw-kiel.de · vfa.de/…/macroscope
Zuletzt aktualisiert: Juni 2026