Systemanalyse

Elektronische Patientenakte: Die richtige Idee, am Alltag vorbei gebaut

Elektronische Patientenakte: 73 Millionen Akten, aber unter 5 Prozent nutzen sie aktiv

Elektronische Patientenakte: Die richtige Idee, am Alltag vorbei gebaut

Anfang 2025 bekamen rund 73 Millionen gesetzlich Versicherte Post von ihrer Krankenkasse. Sinngemäß stand darin: Sie haben jetzt eine elektronische Patientenakte. Wenn Sie das nicht wollen, widersprechen Sie. Die meisten widersprachen nicht. Und die meisten nutzen sie bis heute nicht. Bei der größten Kasse, der AOK, öffnen gerade einmal 1,4 Prozent ihre Akte aktiv.[2]

Wie kann ein System fast jeden erreichen und trotzdem fast niemanden gewinnen?

Elektronische Patientenakte: Die Kurzantwort

Die elektronische Patientenakte (ePA) ist eine digitale Sammelstelle für Ihre Gesundheitsdaten: Befunde, Arztbriefe, Medikationsplan. Seit 2025 hat fast jeder gesetzlich Versicherte automatisch eine. Genutzt wird sie kaum: Weniger als jeder Zwanzigste öffnet sie aktiv.[2] Das Problem ist nicht die Idee, sondern die Umsetzung.

Die ePA sollte das digitale Rückgrat der medizinischen Versorgung in Deutschland werden. Stattdessen ist sie zum teuersten Beweis dafür geworden, dass man Digitalisierung verordnen, aber die Nutzung nicht erzwingen kann. Wie eine richtige Idee am Alltag vorbeigebaut wurde, lässt sich an fünf Stellen genau zeigen. Und daran, was Länder wie Dänemark und Estland anders gemacht haben.

Was ist die elektronische Patientenakte?

Die elektronische Patientenakte ist eine lebenslange, digitale Akte, in der Ihre Gesundheitsdaten an einem Ort liegen: Arztbriefe, Laborbefunde, Röntgenbilder, der Medikationsplan, der Impfausweis. Die rechtliche Grundlage steht in den Paragrafen 341 ff. des Fünften Sozialgesetzbuchs. Technisch verantwortet wird sie von der gematik, einer halbstaatlichen Gesellschaft mit dem Bund als Mehrheitseigner.

Die Idee dahinter ist alt und gut. Bisher liegen Gesundheitsdaten verstreut: Beim Hausarzt auf der einen Software, beim Facharzt auf der anderen, im Krankenhaus auf einer dritten. Niemand sieht das ganze Bild. Die ePA soll diese Fragmentierung beenden. Jeder behandelnde Arzt soll mit Ihrer Freigabe sehen, was die anderen schon wissen.

Dass diese Idee funktioniert, ist gut belegt. Wo Ärzte auf eine gemeinsame Akte zugreifen, sinkt die Zahl doppelter Untersuchungen messbar: In US-Studien gingen wiederholte Bildgebungen um rund ein Viertel zurück.[11] Ein einfacher digitaler Hinweis auf bereits angeordnete Untersuchungen senkte doppelte Aufträge sogar um 40 Prozent.[10] Die Unternehmensberatung McKinsey beziffert den möglichen Nutzen der ePA auf bis zu 7 Milliarden Euro im Jahr, fast das Zehnfache der veranschlagten Aufbaukosten.[9] Das Potenzial ist enorm. Es wird nur nicht ausgeschöpft.

Bis Ende 2024 galt dabei das Opt-in Prinzip: Wer eine Akte wollte, musste sie aktiv beantragen. Kaum jemand hat das gemacht. Mit dem Digital-Gesetz drehte der Gesetzgeber das Prinzip um. Seit Anfang 2025 legt die Kasse automatisch für jeden eine Akte an, außer man widerspricht. Aus einer Bringschuld der Bürger wurde eine Holschuld: Wer nicht will, muss aktiv werden. Verhaltensökonomisch ist das ein kluger Hebel, derselbe, über den bei der Organspende diskutiert wird.

Der Hebel hat die Verbreitung gelöst. Er hat nur das eigentliche Problem nicht gelöst.

73 Millionen Akten, kaum Nutzer

Auf dem Papier ist die ePA ein Erfolg. 73 Millionen Akten sind angelegt, über 100 Millionen Dokumente liegen darin.[1] Das klingt nach einem laufenden System. Bis man die zweite Zahl danebenlegt: Auf 73 Millionen Akten kommen gut 100 Millionen Dokumente. Das ist im Schnitt nicht einmal anderthalb Dokumente pro Akte. Die meisten sind so gut wie leer.

Und kaum jemand schaut hinein. Das Deutsche Ärzteblatt berichtet von unter vier Prozent aktiver App-Nutzung.[2] Die Kassen melden je nach Haus zwischen 1,4 Prozent (AOK) und 7,4 Prozent (Techniker). Selbst die gematik kommt mit der wohlwollendsten Zählung nur auf rund zwölf Prozent. Wie man auch rechnet: Die überwältigende Mehrheit der 73 Millionen rührt ihre Akte nie an.

Das ist die zentrale Lücke der ePA. Die Verbreitung ist gelöst, die Nutzung nicht. Ein Pflichtsystem mit fast vollständiger Abdeckung und fast keiner Anwendung.

Teuer ist dieser Stillstand obendrein. Der Bundesrechnungshof rechnete schon bis 2017 Kosten von 606 Millionen Euro für die digitale Infrastruktur vor und warnte, ihr Nutzen sei nicht belegt.[18] Allein der Ausbau zur Opt-out-Akte ist mit 789 Millionen Euro veranschlagt, der laufende Betrieb mit 119 Millionen pro Jahr.[8] Auf die Versicherten umgelegt sind das rund zehn Euro pro Kopf für ein System, das die meisten nie öffnen.

Balkendiagramm zur elektronischen Patientenakte 2026 – 73 Millionen Akten sind angelegt, aber nur unter vier bis zwölf Prozent werden aktiv genutzt, bei der AOK nur 1,4 Prozent.

Verbreitung gelöst, Nutzung gescheitert. Quelle: gematik 2026, Deutsches Ärzteblatt, Krankenkassen. Grafik frei verwendbar unter Nennung der Quelle: gegenbefund.de

Elektronische Patientenakte: angelegt vs. aktiv genutzt (Deutschland 2025/2026)
KennzahlWert
Angelegte Akten73 Mio. (100 %)
Aktive Nutzung gesamt (Deutsches Ärzteblatt)unter 4 %
Aktive Nutzung (gematik, weiter gefasst)rund 12 %
AOK1,4 %
Barmer5,5 %
Techniker7,4 %

Die naheliegende Erklärung lautet: Datenschutz. Die Deutschen, heißt es, seien beim Thema Gesundheitsdaten besonders misstrauisch. Die Erklärung klingt plausibel. Sie ist aber falsch.

Kein Datenschutz-Aufstand

Wäre Datenschutz der Grund, müssten die Menschen der Akte massenhaft widersprechen. Sie tun es nicht. Bei der AOK liegt die Widerspruchsquote bei 4,3 Prozent, bei anderen Kassen bei bis zu sieben Prozent.[3] Erwartet worden waren bis zu 20 Prozent. Die große Verweigerung ist ausgeblieben.

Damit zerfällt die bequeme Erzählung. Wer nicht widerspricht, aber auch nicht nutzt, ist nicht empört. Er ist gleichgültig, oder er kommt gar nicht erst hinein. Die ePA scheitert nicht am Protest. Sie scheitert an der Teilnahmslosigkeit.

MYTHOS: Die Deutschen lehnen die elektronische Patientenakte aus Datenschutzgründen ab.

FAKT: Nur 4 bis 7 Prozent widersprechen, weit weniger als die erwarteten 20 Prozent. Die Akte wird nicht abgelehnt, sie wird ignoriert.

Quelle: AOK und weitere Kassen, 2025/2026

Wenn es nicht der Datenschutz ist, was ist es dann? Die Antwort besteht aus fünf Gründen, die sich gegenseitig verstärken.

Warum kaum jemand die ePA nutzt

Die leere Hülle

Eine Akte ist nur so nützlich wie ihr Inhalt. Jahrelang war die ePA leer, weil niemand verpflichtet war, sie zu füllen. Erst seit dem 1. Oktober 2025 müssen Praxen Dokumente einstellen.[4] Wer in den Monaten davor neugierig die App öffnete, sah ein leeres Fach und kam nicht wieder. So bildet sich keine Gewohnheit. Das Henne-Ei-Problem in Reinform: Patienten nutzen nichts Leeres, und ohne Nutzer fehlt der Druck zu füllen.

Ein digitaler Schuhkarton

Selbst die gefüllte Akte stiftet wenig Nutzen. Der Vorsitzende des Hausärzteverbands beschreibt sie als „unsortierte PDF-Sammlung“, mit der die Praxen im Alltag wenig anfangen können. Eine Volltextsuche fehlt. Die ePA digitalisiert das Papier, ohne es nutzbar zu machen. Sie ist ein Schuhkarton, in den man jetzt PDFs statt Zettel wirft. Der Stapel ist digital, das Durchsuchen bleibt Handarbeit. Solange die Sektoren nicht wirklich vernetzt sind, bleibt die Akte ein Dokumentenordner, kein Werkzeug.

Für Ärzte nur Mehraufwand

Damit die Akte etwas taugt, müssen Ärzte sie pflegen. Doch das kostet Zeit, und die wird kaum vergütet. Für die Erstbefüllung gibt es einmalig 11,34 Euro, das Scannen alter Befunde zahlt niemand.[4] In der Praxis erhöht die ePA die ohnehin hohe Dokumentationslast, statt sie zu senken. Die Folge ist aufschlussreich: Der Staat ist von der Belohnung zur Strafe übergegangen. Seit dem 1. Januar 2026 drohen Praxen, die die ePA nicht nutzen, ein Prozent Honorarkürzung und eine halbierte Pauschale für die Technik.[4] Ein System, das Sanktionen braucht, damit es überhaupt benutzt wird, hat sein Wertversprechen bereits verfehlt.

Die Hürde beim Patienten

Wer seine Akte aktiv nutzen will, braucht die App, die elektronische Gesundheitskarte und eine PIN, oder den Personalausweis mit freigeschalteter Online-Funktion. Genau diese Funktion haben nur etwa 35 Prozent der Erwachsenen aktiviert.[13] Schon der Einstieg ist eine Hürde, die viele nie nehmen, besonders Ältere, also ausgerechnet die Gruppe mit den meisten Befunden. Der komplizierte Freischaltprozess ist die meistgenannte Barriere im Umgang mit der ePA.

Das fehlende Vertrauen

Bleibt der Datenschutz, der zwar nicht der Hauptgrund ist, das Vertrauen aber dennoch beschädigt. Auf dem Chaos Communication Congress führten die Sicherheitsforscher Bianca Kastl und Martin Tschirsich Ende 2024 mehrere Angriffe auf die ePA vor.[15] Schwerer wiegt eine Designentscheidung: Die ältere ePA hatte eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der der Schlüssel auf der Gesundheitskarte des Patienten lag. Die neue „ePA für alle“ hat sie aufgegeben, zugunsten von Tempo, Suchfunktion und Forschungsdatenfreigabe. Die gematik hält die gezeigten Angriffe für technisch möglich, aber praktisch unwahrscheinlich. Diese Debatte führen Fachleute wie der Chaos Computer Club mit weit mehr Tiefe, als wir es hier könnten. Für unsere Frage genügt der Befund: Das Vertrauen ist angeschlagen, und ein angeschlagenes Vertrauen bremst die letzten Unentschlossenen.

Fünf Gründe bremsen die Digitalisierung der Versorgung in Deutschland aus. Keiner davon ist die Technik selbst. Das lässt sich beweisen, und zwar mit einem System aus demselben Haus.

Dass es anders geht, beweist das e-Rezept

Wer behauptet, die Deutschen oder ihre Ärzte könnten keine Digitalisierung, muss das e-Rezept erklären. Es läuft über dieselbe Telematikinfrastruktur, das digitale Netz, das Praxen, Kliniken und Apotheken verbindet, und wird von derselben gematik verantwortet. Und es funktioniert. Im Oktober 2025 wurde das milliardste e-Rezept eingelöst, inzwischen sind über 90 Prozent der Verordnungen digital.[5] Verpflichtend ist es seit Anfang 2024.

Warum klappt das eine und das andere nicht? Das e-Rezept hat einen sofortigen, spürbaren Nutzen und einen klaren Ablauf: Der Arzt stellt es aus, die Apotheke löst es ein, fertig. Die ePA dagegen verlangt von allen Beteiligten eine Vorleistung, bevor irgendjemand etwas davon hat. Das e-Rezept gewann, weil es sofort nützt. Die Akte verliert, weil sie zuerst Arbeit macht und den Nutzen schuldig bleibt.

Eine andere digitale Pflicht zeigt, was lückenlose Erfassung bewirkt: Die elektronische Krankmeldung registriert heute jede Kurzkrankung, die früher nie in der Statistik landete, und treibt so einen Teil des Rekord-Krankenstands rein rechnerisch nach oben.

Balkenvergleich e-Rezept gegen elektronische Patientenakte auf derselben Infrastruktur – über 90 Prozent der Verordnungen laufen digital, aber unter fünf Prozent nutzen die Patientenakte aktiv.

Gleiche Infrastruktur, zwei Ergebnisse. Quelle: gematik 2025/2026. Grafik frei verwendbar unter Nennung der Quelle: gegenbefund.de

e-Rezept vs. elektronische Patientenakte auf derselben Telematikinfrastruktur
AnwendungNutzung
e-Rezept (Anteil GKV-Verordnungen digital)rund 94 %
Elektronische Patientenakte (aktive Nutzung)unter 5 %

Es liegt also an der Art, wie Deutschland die Akte designt und eingeführt hat. Andere Länder haben es anders gemacht.

Was Dänemark, Estland und Österreich anders machen

Im internationalen Vergleich der Bertelsmann Stiftung landet Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens auf Platz 16 von 17.[16] Vorn stehen Estland, Dänemark, Kanada. Drei Beispiele zeigen, woran es liegt, und sie zeigen es ehrlich, ohne das Ausland zu verklären.

Estland ist der sauberste Erfolg. Praktisch jeder Bürger hat eine genutzte digitale Akte, alle Ärzte und Apotheken sind angeschlossen.[16] Der Schlüssel ist das Prinzip „once only“: Daten werden einmal erfasst und sind danach überall verfügbar, ohne zweiten Anmeldeprozess. Wo Deutschland eine eigene PIN-Hürde aufbaut, nutzt Estland die digitale Identität, die ohnehin jeder hat.

Dänemark betreibt sein Gesundheitsportal sundhed.dk seit 2003. Monatlich laufen darüber rund 5,5 Millionen digitale Nachrichten zwischen 150 Systemen.[12] Der Zugang läuft über die nationale digitale Identität, die Däninnen und Dänen längst für ihre Bank und Behörden nutzen. Die ehrliche Kehrseite: Eine echte, sektorenübergreifende Akte fehlt auch dort in Teilen, und zwischen den Regionen schwankt die Nutzung erheblich.

Österreich zeigt ein anderes Beispiel. Die elektronische Gesundheitsakte ELGA gibt es seit Jahren, doch der österreichische Rechnungshof urteilte 2024, das Potenzial sei „nicht ausgeschöpft“.[17] Lange befüllten vor allem Krankenhausärzte die Akte, niedergelassene Fachärzte kaum. Auch eine Pflicht erzeugt also nicht von selbst Nutzung. Das ist die unbequeme Pointe für alle, die in Deutschland auf Sanktionen setzen.

Internationaler Vergleich der Nutzung digitaler Patientenakten – Estland rund 99 Prozent, Dänemark etwa 31 Prozent monatlich, Deutschland unter fünf Prozent.

Wer nutzt seine Patientenakte? Quelle: Bertelsmann Stiftung #SmartHealthSystems, Healthcare Denmark, gematik. Grafik frei verwendbar unter Nennung der Quelle: gegenbefund.de

Nutzung digitaler Patientenakten im Ländervergleich
LandNutzung/Verbreitung
Estland (Terviseportaal)rund 99 %
Dänemark (sundhed.dk, monatlich)etwa 31 %
Deutschland (ePA, aktive Nutzung)unter 5 %

Hinweis: Messmethoden je Land abweichend, nicht 1:1 vergleichbar.

Die erfolgreichen Länder verbindet keine überlegene Technik. Sie haben in einer anderen Reihenfolge gebaut: Zuerst der Nutzer, dann das System.

Die Umsetzung ist entscheidend

Deutschland hat bei der ePA dreimal die Angebotsseite verordnet und die Nachfrageseite vergessen. Erst die Infrastruktur, dann die Akten per Opt-out, jetzt die Nutzung per Sanktion. Was nie gebaut wurde, ist ein Produkt, das so nützlich und einfach ist, dass Ärzte und Patienten es freiwillig wollen. Dreimal Zwang statt einmal Wert.

In der Welt der Gestaltung digitaler Verwaltungsdienste gibt es dafür ein etabliertes Gegenmodell. Die vielzitierten Designprinzipien des britischen Government Digital Service beginnen mit einem einzigen Satz: „Start with user needs.“[14] Erst die Bedürfnisse der Nutzer verstehen, früh mit echten Menschen testen, in kleinen Schritten verbessern. Die deutsche ePA wurde umgekehrt gebaut: Zuerst die Technik und die Schnittstellen, der Nutzer kam zuletzt. Hinweise auf systematische Tests mit Patienten und Ärzten während der Entwicklung sind kaum zu finden.

Gute digitale Dienste beginnen bei den Bedürfnissen der Nutzer. Die elektronische Patientenakte begann bei der Technik. Den Rest erledigt der Zwang.

Dass es anders ginge, ist keine Vermutung. Eine Studie der TU Berlin ließ Probanden einen realistischen ePA-Prototyp testen. Das Ergebnis: Eine klare, professionelle Gestaltung schafft Vertrauen, unklare Navigation und Rechtschreibfehler zerstören es.[7] Akzeptanz ist gestaltbar. Man muss sie nur zur Priorität machen, statt zur Nachrangigkeit.

Gegenbefund-Einordnung: Die Idee taugt, die Ausführung nicht. Eine Akte, die bei den Bedürfnissen von Patienten und Ärzten anfängt, strukturierte Daten statt PDF-Stapel bietet und die ohnehin vorhandene digitale Identität nutzt, hätte einen anderen Verlauf genommen. Der Fehler lässt sich in einem Satz fassen: Deutschland hat Verbreitung mit Akzeptanz verwechselt und zum Zwang gegriffen, wo Brauchbarkeit gefehlt hat.

Was Sie jetzt tun können

Für Sie als Versicherten stellt sich eine konkrete Frage: Behalten oder widersprechen? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, sie hängt von Ihrer Situation ab.

Für Menschen mit vielen Befunden, mehreren Fachärzten oder Dauermedikation kann die Akte trotz aller Mängel nützen, etwa um gefährliche Wechselwirkungen sichtbar zu machen. Wer dagegen selten zum Arzt geht oder besonders sensible Diagnosen schützen will, hat wenig zu verlieren, wenn er die Akte ruhen lässt oder einzelne Behandler ausschließt. Wichtig ist nur: Ein Widerspruch ist jederzeit und ohne Frist möglich, und er bringt Ihnen keine Nachteile in der Versorgung.

Was Sie tun können

Akte nutzen: Laden Sie die ePA-App Ihrer Kasse, melden Sie sich mit Gesundheitskarte und PIN oder dem Personalausweis an. Prüfen Sie, ob Ihr Medikationsplan stimmt.

Zugriff steuern: Sie können einzelne Praxen vom Zugriff ausschließen und einzelne Dokumente verbergen, ohne die ganze Akte abzulehnen.

Widersprechen: Wenn Sie die Akte gar nicht wollen, widersprechen Sie bei Ihrer Kasse. Das geht jederzeit, ohne Frist und ohne Begründung.

Fazit: Ein Premiumsystem ohne Publikum

Deutschland hat eine digitale Patientenakte für 73 Millionen Menschen gebaut und dafür hunderte Millionen Euro ausgegeben. Genutzt wird sie von einer kleinen einstelligen Prozentzahl. Hinter dem Erfolg auf dem Papier steht ein Konstruktionsfehler: Ein System, das die Nachfrage nie ernst genommen hat und den fehlenden Nutzen jetzt mit Zwang ersetzt. Die Idee bleibt richtig. Eingelöst ist sie noch nicht. Wer wissen will, wie das zusammenpasst, findet hier das Muster des ganzen Systems wieder: Deutschland zahlt Premiumpreise für durchschnittliche Ergebnisse.

Häufige Fragen zur elektronischen Patientenakte

Was kostet die elektronische Patientenakte?

Für Sie als gesetzlich Versicherten ist die ePA kostenlos. Sie wird aus Beiträgen der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert. Die Telematikinfrastruktur dahinter kostet die Versichertengemeinschaft 2025 rund 127 Millionen Euro im Jahr, finanziert über 1,87 Euro pro Mitglied.[6]

Den Widerspruch (Opt-out) richten Sie an Ihre Krankenkasse, in der Regel über deren App, Website oder schriftlich. Er ist jederzeit möglich, es gibt keine Frist. Wenn Sie widersprechen, wird die Akte gelöscht oder gar nicht erst angelegt. Nachteile für Ihre Behandlung entstehen dadurch nicht.[3]

Die Daten liegen verschlüsselt in zertifizierten Rechenzentren in Deutschland. Allerdings hat die aktuelle „ePA für alle“ auf die frühere Ende-zu-Ende-Verschlüsselung verzichtet, bei der nur Sie selbst den Schlüssel hatten. Sicherheitsforscher des Chaos Computer Clubs haben mehrere Schwachstellen demonstriert. Die gematik hält die gezeigten Angriffe für praktisch unwahrscheinlich.[15]

In der Akte können Arztbriefe, Befunde, Laborwerte, der Medikationsplan und der Impfausweis liegen. Einsehen können Sie alles über die ePA-App Ihrer Kasse, nach Anmeldung mit Gesundheitskarte und PIN oder Personalausweis. Bislang sind die meisten Akten allerdings noch fast leer.[1]

Nein. Für Patienten ist die Nutzung freiwillig. Sie können die Akte haben, ohne die App je zu öffnen, Sie können einzelne Inhalte verbergen, oder Sie können ganz widersprechen. Eine Pflicht zur Nutzung gibt es nur für Ärzte, Kliniken und Apotheken, nicht für Versicherte.[4]

Das ist etwas anderes als die ePA. Unabhängig von der elektronischen Akte haben Sie nach Paragraf 630g BGB das Recht, beim Arzt Einsicht in Ihre Behandlungsdokumentation zu verlangen und Kopien zu erhalten. Dafür genügt eine formlose Anfrage in der Praxis. Die Kosten für Kopien dürfen Ihnen in Rechnung gestellt werden. —

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Quellen

  1. gematik — „Ein Jahr ePA für alle: mehr als 100 Millionen hinterlegte Dokumente“
    Bilanz nach einem Jahr Opt-out-Rollout (April 2026): über 100 Mio. hinterlegte Dokumente, 73 Mio. angelegte Konten, 21 Mio. wöchentliche Abrufe der Medikationsliste, 5,1 Mio. mit GesundheitsID registrierte Nutzende; Systemverfügbarkeit 99,9 %
    → gematik.de/newsroom/news-detail/ein-jahr-epa-fuer-alle
  2. Deutsches Ärzteblatt — „Unter vier Prozent nutzen elektronische Patientenakte aktiv“
    Umfrage Redaktionsnetzwerk Deutschland (Januar 2026): Anteil aktiver Nutzende bei 3,6 % der angelegten Konten; Techniker Krankenkasse meldet 850.000 aktive Nutzende bei 11,5 Mio. angelegten Konten
    → aerzteblatt.de/news/unter-vier-prozent-nutzen-epa-aktiv
  3. AOK — „Knapp 94 Prozent erhalten elektronische Patientenakte“
    Pressemitteilung April 2025: Widerspruchsquote im bundesweiten Rollout lag bei rund 5 %, deutlich unter der Regierungsprognose von 20 %; bundesweiter Start des Opt-out-Modells am 29. April 2025
    → aok.de/pp/gg/update/knapp-94-prozent-erhalten-epa
  4. KBV — „Ab Januar weiterhin mehr als elf Euro für ePA-Erstbefüllung“
    Vergütungsregelung GOP 01648 (89 Punkte = 11,34 € ab 01.01.2026, außerhalb Regelleistungsvolumen), Laufzeit bis 30.06.2026; Verlängerungszusatz GOP 01647 (15 Punkte = 1,91 €)
    → kbv.de/praxis/praxisnachrichten/epa-erstbefuellung
  5. gematik — „Eine Milliarde eingelöste E-Rezepte“
    Pressemitteilung 17.10.2025: Meilenstein eine Milliarde eingelöste digitale Rezepte; seit Januar 2025 automatische Übernahme der Verschreibungsdaten in die elektronische Medikationsliste der ePA
    → gematik.de/newsroom/news-detail/eine-milliarde-e-rezepte
  6. BMG / buzer.de — TeleFinV 2026: Verordnung zur Anpassung des Betrags zur Finanzierung der Gesellschaft für Telematik
    In Kraft seit 10.12.2025: GKV-Spitzenverband zahlt 0,37 € je Mitglied zusätzlich zum Sockelwert von 1,50 €, ergibt 1,87 € pro Mitglied (Geltungszeitraum 01.01.–31.12.2026); Gesamtrahmen rund 126,9 Mio. €
    → buzer.de/TeleFinV_2026.htm
  7. Deutsches Ärzteblatt — „Nutzerfreundliche Gestaltung der elektronischen Patientenakte kann Vertrauen erhöhen“
    TU-Berlin-Studie (Frontiers in Digital Health, April 2025): 30 Probanden mit realistischem ePA-Prototyp; professionelles Design signalisiert Zuverlässigkeit, unübersichtliche Layouts erzeugen Misstrauen; Nutzer fordern sichtbare Kontroll- und Datenschutzoptionen
    → aerzteblatt.de/news/nutzerfreundliche-gestaltung-epa
  8. Apotheke Adhoc — „Gematik: Das 900-Millionen-Euro-Invest“
    Bericht 02.02.2024 auf Basis DigiG-Gesetzentwurf: Einmalinvestition 2024–2027 rund 789 Mio. €, laufende Jahreskosten 119,25 Mio. €; historische Beiträge der GKV 2008–2022: 774,6 Mio. €; größte Einzelpost: ePA mit ~114 Mio. € jährlich
    → apotheke-adhoc.de/nachrichten/gematik-900-millionen-invest
  9. McKinsey & Company — „Digitalisierung im Gesundheitswesen: die 42-Milliarden-Euro-Chance für Deutschland“
    Studie Mai 2022: Analyse von 26 digitalen Gesundheitstechnologien; Einsparpotenzial 42 Mrd. € jährlich (ca. 12 % der Gesamtausgaben); ePA-Beitrag bis zu 7 Mrd. € pro Jahr; Potenzial zu 61 % durch Produktivitätssteigerungen, zu 39 % durch Nachfragereduktion
    → deutsche-apotheker-zeitung.de/mckinsey-42-mrd-einsparpotenzial
  10. JAMA Network Open — „Assessment of Unintentional Duplicate Orders by Emergency Department Clinicians Before and After Implementation of a Visual Aid in the Electronic Health Record Ordering System“
    Horng et al., Beth Israel Deaconess Medical Center, JAMA Network Open 2019 (DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2019.16499): Passiver visueller Hinweis (Rot-Markierung) im EHR-Bestellsystem; Reduktion unbeabsichtigter doppelter Laboraufträge um 49 %, doppelter Bildgebungsaufträge um 40 %; Kohorte 184.694 Patienten
    → pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6902748
  11. Healthcare Dive — „Study: HIEs help reduce repeat imaging“
    Bericht 19.02.2015 zur Studie im American Journal of Managed Care: Health Information Exchanges (HIE) in einem 11-County-Gebiet (New York) senken den Anteil wiederholter Bildgebungen signifikant; 5 % Wiederholungsrate mit HIE vs. 8 % ohne HIE (entspricht ca. 25 % Reduktion)
    → healthcaredive.com/news/study-hies-help-reduce-repeat-imaging
  12. Healthcare Denmark — „Digital Infrastructure“
    Überblick über Dänemarks digitale Gesundheitsinfrastruktur: sundhed.dk als zentrales E-Health-Portal; monatlich 5,5 Mio. digitale Nachrichten zwischen 150 verschiedenen Systemen; CPR-Nummer (seit 1968) als Rückgrat der eindeutigen Bürger-Identifikation
    → healthcaredenmark.dk/national-strongholds/digitalization/digital-infrastructure
  13. AOK (Gesundheit und Gesellschaft) — „Warum die elektronische Patientenakte noch kaum genutzt wird“
    Analyse der Nutzungshürden: nur 35 % der erwachsenen deutschsprachigen Bevölkerung haben die eID-Funktion aktiviert; weniger als 5 % nutzen die ePA aktiv; deutliche soziodemografische Nutzungsunterschiede (Alter, Bildung, Geschlecht, Region)
    → aok.de/pp/gg/gesundheitssystem/elektronische-patientenakte
  14. GOV.UK — „Government Design Principles“
    Britische Designprinzipien für digitale Behördenleistungen, Prinzip 1: „Start with user needs“ — ohne Kenntnis echter Nutzerbedürfnisse entsteht nicht das Richtige; Grundlage für nutzerorientierte öffentliche Digitalangebote
    → gov.uk/guidance/government-design-principles
  15. Chaos Computer Club — „Ohne Transparenz kein Vertrauen in elektronische Patientenakte“
    CCC-Statement 14.01.2025: Unterstützung der Forderungen von 28 Organisationen nach Transparenz; Forscher Bianca Kastl und Martin Tschirsich zeigten auf dem 38C3, wie Unbefugte auf Akten von bis zu 70 Mio. Versicherten zugreifen könnten (Versichertenkarte per Social Engineering, SQL-Injection, Manipulation nicht signierter Seriennummern)
    → ccc.de/de/updates/2025/epa-transparenz
  16. Bertelsmann Stiftung — „#SmartHealthSystems: Digital-Health-Index“
    Internationaler Vergleich von 17 Ländern anhand 34 Indikatoren (Strategie, technische Readiness, Datennutzung): Deutschland auf Platz 16; Spitzenreiter Estland, Kanada, Dänemark, Israel, Spanien
    → bertelsmann-stiftung.de/smarthealthsystems/digital-health-index
  17. Rechnungshof Österreich — „Potenzial der elektronischen Gesundheitsakte ELGA nicht ausgeschöpft“
    Prüfbericht Oktober 2024 (Prüfzeitraum 2018–2022): Acht Jahre nach Launch 2015 noch keine vollständige Befüllung durch Fachärzte, Radiologieinstitute, Labore; fehlende Gesamtstrategie, Rechtsunsicherheiten, intransparente Kosten (~99 Mio. € budgetiert); legislative Korrektur Juli 2024
    → rechnungshof.gv.at/rh/home/news/ELGA-Potenzial
  18. Bundesrechnungshof — „Beratungsbericht: Einführung der elektronischen Gesundheitskarte und der Telematikinfrastruktur“ (2019)
    Beratungsbericht an den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags (18.01.2019): Kosten der Telematikinfrastruktur bis 2017 rund 606 Mio. €; nach 15 Jahren Laufzeit kein belegter Mehrwert für Leistungserbringer und Versicherte; strukturelle Defizite bei Governance und Weiterentwicklung
    → bundesrechnungshof.de/Berichte/2019/elektronische-gesundheitskarte

Zuletzt aktualisiert: Juni 2026

Andrey Belkin
Andrey Belkin
Gründer und Autor von Gegenbefund
Andrey Belkin ist Chemiker (M.Sc., Universität Stuttgart), arbeitet in der Pharmaindustrie und analysiert auf Gegenbefund mit eigenen Datenauswertungen, warum Deutschland Premiumpreise für durchschnittliche Gesundheitsergebnisse bezahlt.