Ländervergleich

Gesundheitssystem Frankreich: günstiger als unseres, und trotzdem im Minus

Gesundheitsausgaben Deutschland und Frankreich im Vergleich: 12,3 gegen 11,5 Prozent des BIP, 9.365 gegen 7.367 US-Dollar pro Kopf, Frankreich also günstiger. Daneben die Ergebnisse, gemischt: Frankreich vorn bei Lebenserwartung (83,0 gegen 81,5 Jahre) und behandelbarer Sterblichkeit (58 gegen 83 je 100.000), Deutschland vorn bei Müttersterblichkeit (4 gegen 8 je 100.000), Säuglingssterblichkeit (3,2 gegen 3,5 je 1.000) und Ärztedichte (4,7 gegen 3,9 je 1.000).

Gesundheitssystem Frankreich: günstiger als unseres, und trotzdem im Minus

Gesundheitsausgaben Deutschland und Frankreich im Vergleich: 12,3 gegen 11,5 Prozent des BIP, 9.365 gegen 7.367 US-Dollar pro Kopf, Frankreich also günstiger. Daneben die Ergebnisse, gemischt: Frankreich vorn bei Lebenserwartung (83,0 gegen 81,5 Jahre) und behandelbarer Sterblichkeit (58 gegen 83 je 100.000), Deutschland vorn bei Müttersterblichkeit (4 gegen 8 je 100.000), Säuglingssterblichkeit (3,2 gegen 3,5 je 1.000) und Ärztedichte (4,7 gegen 3,9 je 1.000).

Weniger Geld, gemischte Ergebnisse. Quelle: OECD Health at a Glance 2025 (Berichtsjahr 2023). Grafik frei verwendbar unter Nennung der Quelle: gegenbefund.de

Gesundheitssystem Deutschland und Frankreich im Vergleich (OECD, Berichtsjahr 2023/2024)
IndikatorDeutschlandFrankreich
Gesundheitsausgaben am BIP (Prozent)12,311,5
Pro-Kopf-Ausgaben (USD, kaufkraftbereinigt)9.3657.367
Eigenanteil am Behandlungspunkt (Prozent)119,3
Lebenserwartung bei Geburt (Jahre)81,583,0
Behandelbare Sterblichkeit (je 100.000)8358
Müttersterblichkeit (je 100.000)48
Säuglingssterblichkeit (je 1.000)3,23,5
Ärzte je 1.000 Einwohner4,73,9

Schauen Sie auf Ihre Lohnabrechnung. Gut 8 Prozent Ihres Bruttolohns gehen an die Krankenkasse, noch einmal so viel zahlt Ihr Arbeitgeber obendrauf. In Frankreich steht an dieser Stelle: nichts. Keinen einzigen Euro Arbeitnehmer-Krankenversicherungsbeitrag, seit 2018 abgeschafft.[9] Dabei ist Frankreichs System im Kern dasselbe wie das deutsche: Krankenkassen, Pflichtbeiträge, dieselbe Familie. Aber unser Nachbar hat zwei Dinge getan, vor denen Deutschland seit Jahren zurückschreckt. Das klingt nach dem besseren Deal. Die Wahrheit ist komplizierter.

Gesundheitssystem Frankreich: Die Kurzantwort

Frankreich hat wie Deutschland ein System aus Krankenkassen und Pflichtbeiträgen, finanziert es aber kaum noch über Löhne, sondern über eine breite Abgabe auf alle Einkommen (die CSG). Private Zusatzversicherer (Mutuelles) ergänzen die staatliche Kasse, dürfen aber niemanden wegen Krankheit ablehnen. Ergebnis: 11,5 Prozent des BIP, etwas weniger als Deutschland mit 12,3 Prozent, bei höherer Lebenserwartung.[1] Der Preis: ein strukturelles Defizit von rund 14 Milliarden Euro pro Jahr.[3]

(Hinweis: Wer hier nach einer Reise- oder Auslandskrankenversicherung für Frankreich sucht, ist nicht richtig. Dieser Text behandelt das französische Gesundheitssystem im Vergleich zum deutschen, nicht private Versicherungen für den Urlaub.)

Wie funktioniert das Gesundheitssystem in Frankreich?

Krankenkassen und Pflichtbeiträge, genau wie bei uns

Frankreich gehört zur selben Familie wie Deutschland. Es gibt eine Pflichtversicherung, es gibt Krankenkassen, und finanziert wird über Beiträge. Fachleute nennen das Bismarck-Modell, mehr braucht der Leser nicht zu wissen. Die Alltagsbedeutung zählt: Es ist kein staatlicher Gesundheitsdienst, der alles aus Steuern bezahlt und die Ärzte gleich selbst anstellt, wie das britische NHS oder das System in Kanada.

Aber an einer Stelle ist Frankreich anders als Deutschland. Es hat im Grunde eine einzige große Kasse. Die Assurance Maladie, organisiert über die CNAM, deckt 88 Prozent der Bevölkerung ab, der Rest verteilt sich auf ein paar berufsständische Träger für Landwirte, Beamte oder Bahnbeschäftigte.[10] Diese Kassen konkurrieren nicht. Man wird nach Beruf zugeordnet, man wählt nicht und man wechselt nicht.

Der Vergleich zu Deutschland macht den Unterschied greifbar. Hier konkurrieren mehr als 95 gesetzliche Krankenkassen um Versicherte, mit Werbung, Vergleichsportalen und dem Zusatzbeitrag als Lockmittel. Damit dieser Wettbewerb nicht dazu führt, dass jede Kasse nur die Gesunden haben will, gleicht ein komplizierter Mechanismus zwischen ihnen aus (der Morbi-RSA, der Risikostrukturausgleich). In Frankreich braucht es das alles nicht. Wo nur eine Kasse existiert, gibt es nichts auszugleichen.

Die zwei Stockwerke, und warum es nicht GKV plus PKV ist

Jeder Franzose hat zwei Versicherungen übereinander. Unten die staatliche Assurance Maladie als Basis, oben eine private Mutuelle als Zusatz. 96 Prozent der Bevölkerung haben diese zweite Schicht.[10]

Für deutsche Augen sieht das aus wie GKV und PKV in einem Topf. Das ist es aber nicht, und der Unterschied ist wichtig. Deutschland trennt Menschen: Sie sind entweder gesetzlich oder privat versichert, in dem einen Haus oder im anderen. Frankreich trennt nicht Menschen, sondern Ebenen. Jeder steht im selben Erdgeschoss und hat dasselbe Obergeschoss obendrauf. Keine Spaltung der Bevölkerung, sondern eine Schichtung für alle.

Diese Schichtung ist Absicht. Die staatliche Basis erstattet nie den vollen Betrag, beim Arzt sind es 70 Prozent, im Krankenhaus 80 Prozent. Den Rest, den sogenannten Eigenanteil, übernimmt die Mutuelle. Das System ist von vornherein auf zwei Stockwerke gebaut.

Tabu eins: Die Finanzierung vom Lohn gelöst

Was 2018 passierte

Zum 1. Januar 2018 schaffte Frankreich den Arbeitnehmer-Beitrag zur Krankenversicherung ab, damals 0,75 Prozent des Lohns, dazu den Arbeitnehmer-Anteil zur Arbeitslosenversicherung von 2,4 Prozent. Zusammen wurde der französische Arbeitnehmer um gut drei Prozent seines Bruttolohns entlastet.[9]

Bezahlt wurde das über die CSG, die Contribution sociale généralisée. Das ist eine Abgabe, die nicht nur den Lohn trifft, sondern alle Einkommen: Gehälter, Renten, Mieteinnahmen, Kapitalerträge. Sie stieg im Gegenzug um 1,7 Punkte auf 9,2 Prozent.

Hier ist Präzision wichtig, sonst entsteht ein falsches Bild. Der Arbeitnehmer wurde nicht von allen Abgaben befreit. Der Arbeitgeber zahlt seinen Beitrag weiter, und die CSG trifft auch den Lohn. Richtig ist also: Frankreich hat den zweckgebundenen Krankenversicherungsbeitrag des Arbeitnehmers abgeschafft und durch eine breite Steuer auf jedes Einkommen ersetzt. Aus einem Beitrag, der am Gehalt klebte, wurde eine Abgabe, die jeden trifft.

Wie Frankreich heute finanziert, und wie anders das ist

Vergleich der Finanzierungsquellen der Krankenversicherung. Deutschland: rund 90 Prozent lohngebundene Beiträge, rund 5 Prozent Bundeszuschuss, rund 5 Prozent Sonstiges. Frankreich: 37 Prozent Arbeitgeberbeiträge, 23 Prozent CSG (Abgabe auf alle Einkommen), 31 Prozent indirekte Steuern, 9 Prozent Sonstiges, null Prozent Arbeitnehmerbeitrag.

Deutschland finanziert fast alles am Lohn, Frankreich breit über alle Einkommen. Quelle: The Commonwealth Fund 2026 (Frankreich, Einnahmen 2024), BMG / vdek / TK (Deutschland 2026).

Einnahmequellen der Krankenversicherung, Anteile in Prozent
QuelleDeutschlandFrankreich
Lohngebundene Beiträge (Arbeitnehmer + Arbeitgeber)rund 9037 (nur Arbeitgeber)
CSG (Abgabe auf alle Einkommen)023
Indirekte Steuern031
Bundeszuschuss (Steuern)rund 5
Sonstigerund 59
davon Arbeitnehmer-Lohnbeitragim Beitrag enthalten0

Die Einnahmen der französischen Krankenversicherung verteilen sich heute so: 37 Prozent kommen aus Arbeitgeberbeiträgen, 23 Prozent aus der CSG, 31 Prozent aus indirekten Steuern wie der Mehrwert-, Tabak- und Alkoholsteuer, der Rest aus sonstigen Quellen. Der Arbeitnehmerbeitrag: null.[10]

In Deutschland sieht dieselbe Rechnung völlig anders aus. Die gesetzliche Krankenversicherung finanziert sich zu rund 90 Prozent aus lohngebundenen Beiträgen. Der Steuerzuschuss des Bundes liegt bei 14,5 Milliarden Euro und macht damit nur rund vier bis fünf Prozent der Einnahmen aus.[11] Fast alles hängt am Lohn.

Das ist der eigentliche Bruch. Frankreich hat die Krankenversicherung von der Erwerbsarbeit abgekoppelt. Das macht die Finanzierung unabhängiger davon, wie viele Menschen gerade sozialversicherungspflichtig arbeiten, ein Vorteil in einer alternden Gesellschaft. Deutschland legt dieselbe Last fast vollständig auf den Faktor Arbeit.

Wer gewann, und wer verlor

Für den arbeitenden Franzosen war die Reform ein kleines Plus, unterm Strich blieb gut ein Prozent mehr netto. Aber jemand musste die Lücke füllen, und das waren die Rentner. Sie zahlten die volle CSG-Erhöhung, hatten aber keinen Krankenversicherungsbeitrag, der sie im Gegenzug entlastet hätte. Wer vom Lohn lebte, profitierte. Wer von der Rente lebte, zahlte drauf.

Das war einer der Funken, die Ende 2018 die Gelbwesten-Proteste entzündeten. Die Regierung ruderte teilweise zurück und nahm die Erhöhung für kleinere Renten wieder heraus.[9] Die Lehre ist nüchtern: Die Finanzierungsbasis zu verbreitern ist keine Gratisnummer. Es verschiebt Lasten, und die Verschiebung trifft sichtbar Menschen, die vorher außen vor waren.

Tabu zwei: Private Versicherer ohne Rosinenpickerei

Was die Mutuelle ist

Die Mutuelle ist eine private oder gemeinnützige Zusatzversicherung, die die Lücken der staatlichen Kasse füllt. Sie übernimmt den Eigenanteil beim Arzt, die Tagespauschale im Krankenhaus, Zahnersatz, Brillen und die Honoraraufschläge, die manche Ärzte verlangen. Ohne sie wird es im Ernstfall teuer, deshalb haben fast alle eine: 96 Prozent der Bevölkerung. Seit 2016 muss außerdem jeder Arbeitgeber seinen Beschäftigten eine Mutuelle anbieten und mindestens die Hälfte der Prämie zahlen.[10]

Der entscheidende Unterschied: Annahmepflicht statt Risikoauswahl

Jetzt kommt der Teil, der dieses private System vom deutschen unterscheidet. Der Marktstandard sind die steuerlich begünstigten „solidarischen“ Verträge, und für die gelten strenge Regeln: keine Gesundheitsprüfung, keine Ablehnung wegen einer Vorerkrankung, kein Zuschlag, weil jemand krank ist. Das Alter und der gewählte Leistungsumfang dürfen die Prämie beeinflussen, der Gesundheitszustand nicht.[10]

Das ist faktisch ein Annahmezwang. Die Mutuelle ist ein echter Wettbewerbsmarkt mit mehreren hundert Anbietern. Aber es ist ein Markt, dem man die schärfste Waffe genommen hat: die Auswahl der guten Risiken.

Warum das das Gegenteil der deutschen PKV ist

Die deutsche private Krankenversicherung funktioniert genau umgekehrt. Sie ist ein Ausstieg: Wer genug verdient oder verbeamtet ist, verlässt die gesetzliche Kasse ganz und nimmt seine guten Risiken mit. Die PKV prüft die Gesundheit, sie kann ablehnen, sie kalkuliert nach Risiko. Genau das, was die deutsche Trennung in zwei Klassen ausmacht.

Die Mutuelle ist kein Ausstieg, sondern eine Aufstockung, die jeder zusätzlich hat. Niemand verlässt die Assurance Maladie. Ein französisches Gegenstück zur privaten Vollversicherung gibt es nicht. Strukturell sind beide fast Gegenpole: Die PKV baut Risikoauswahl und Ausstieg ins System ein, die Mutuelle verbietet beides. Frankreich hat private Krankenversicherer, aber keine Zwei-Klassen-Spaltung. Es hat den Markt behalten und die Entsolidarisierung weggelassen.

Was das bringt: Der Kostenvergleich

Wer denkt, Frankreich müsse für seinen großzügigen Zugang draufzahlen, irrt. Frankreich gibt sogar etwas weniger aus als Deutschland und lebt im Schnitt länger. Die Zahlen stammen aus derselben OECD-Quelle, damit der Vergleich sauber ist.[1]

KennzahlDeutschlandFrankreichWer vorn?
Gesundheitsausgaben am BIP12,3 %11,5 %Frankreich ausgabenleichter
Pro-Kopf-Ausgaben (kaufkraftbereinigt)9.365 USD7.367 USDFrankreich rund ein Fünftel günstiger
Eigenanteil am Behandlungspunkt11 %9,3 %Frankreich geschützter
Lebenserwartung bei Geburt81,5 Jahre~83 JahreFrankreich länger
Vermeidbare Sterblichkeit, behandelbar (je 100.000)83~58Frankreich deutlich besser
Müttersterblichkeit (je 100.000)~4~8Deutschland besser
Säuglingssterblichkeit (je 1.000)3,23,5Deutschland leicht besser
Ärzte je 1.000 Einwohner4,73,9Deutschland mehr

Das Bild kippt nicht eindeutig zugunsten Frankreichs, und das ist wichtig. Bei der Lebenserwartung und bei der vermeidbaren Sterblichkeit liegt der Nachbar klar vorn. „Behandelbare Sterblichkeit“ meint Todesfälle, die ein gutes System durch rechtzeitige Behandlung hätte verhindern können, und davon hat Frankreich deutlich weniger.[2] Aber bei der Mütter- und der Säuglingssterblichkeit ist Deutschland besser, die französische Müttersterblichkeit ist sogar doppelt so hoch. Und Deutschland hat mehr Ärzte pro Kopf.

Ein Hinweis zur Einordnung der Zahlen: Diese Werte stammen aus der OECD, die beide Länder nach derselben Methode misst. Die oft genannte deutsche Kernzahl von 538 Milliarden Euro oder 12,4 Prozent des BIP stammt aus der deutschen Statistik mit einer etwas anderen Abgrenzung. Beide sind richtig, aber man darf sie nicht vermischen.

Die Kernbotschaft bleibt: Bei den großen Endpunkten, wie lange die Menschen leben und wie viele vermeidbare Tode es gibt, liegt Frankreich vorn, und das bei etwas geringeren Ausgaben. Das ist genau der Befund, der sich durch alle unsere internationalen Vergleiche zieht: Deutschland zahlt Spitzenpreise für mittelmäßige Ergebnisse.

Der Haken: Frankreich lebt auf Pump

Bevor jetzt jemand nach Paris auswandern will: Frankreich erkauft sich diese Bilanz mit Schulden. Und zwar nicht zu knapp.

Das Loch in der Kasse

Liniendiagramm des Jahressaldos der französischen Krankenversicherung (branche maladie) 2019 bis 2026 in Milliarden Euro. 2019 nahezu ausgeglichen bei minus 1,5, 2020 Corona-Einbruch auf minus 30,4, danach minus 21,0 (2022) und minus 13,8 (2024), Prognose weiter bei minus 15 bis 16. Strukturelles, kein konjunkturelles Defizit.

Frankreichs Krankenkasse lebt auf Pump. Ist-Werte: Cour des comptes. Prognose 2025/2026: HCFiPS.

Jahressaldo der branche maladie in Milliarden Euro (Minus = Defizit)
JahrSaldo (Mrd. Euro)
2019-1,5
2020 (Corona)-30,4
2021rund -30
2022-21,0
2023-11,1
2024-13,8
2025 (Prognose)rund -16
2026 (Prognose)rund -14

Die französische Krankenversicherung schreibt seit Jahren tiefrote Zahlen. 2019 war sie fast ausgeglichen, dann riss Corona 2020 ein Loch von 30,4 Milliarden Euro. Erholt hat sie sich nie richtig: 2024 lag das Defizit wieder bei 13,8 Milliarden Euro, und die offiziellen Projektionen erwarten bis 2029 ein strukturelles Minus von 15 bis 18 Milliarden Euro pro Jahr.[3][4]

Das ist kein konjunktureller Ausrutscher. Der französische Rechnungshof, die Cour des comptes, sagt es selbst: Ohne strukturelle Reform ist diese Finanzierung nicht nachhaltig.[3]

Eine eigene Behörde nur für die Schulden

Wie ernst die Lage ist, sieht man an einer Einrichtung, die in Deutschland kein Gegenstück hat. Frankreich unterhält seit 1996 eine Staatsbehörde, deren einzige Aufgabe es ist, die aufgelaufenen Sozialschulden abzutragen: die CADES. Ende 2023 trug sie 145 Milliarden Euro vor sich her, gesetzlich abzubezahlen bis 2033. Finanziert wird sie über eine eigene Schuldensteuer, die jeden Franzosen auf alle Einkommen trifft.[5]

Im Klartext: Ein Teil der niedrigen Kosten von heute wird auf Pump gelebt und von den Steuerzahlern von morgen abbezahlt.

Die höchste Abgabenlast und die teure Doppelstruktur

Dazu kommt, dass die Entlastung des Arbeitnehmers über eine sehr hohe Gesamtlast hinwegtäuscht. Frankreich hat eine der höchsten Steuer- und Abgabenquoten der Welt, rund 43,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gegen 38 Prozent in Deutschland.[6] Das Geld ist nicht weg, es kommt nur an anderer Stelle herein.

Und die zwei Versicherungsebenen kosten doppelt Verwaltung. Die privaten Mutuelles verschlingen 8,74 Milliarden Euro an Verwaltungskosten, mehr als die Hälfte der gesamten Verwaltungskosten im französischen Gesundheitssystem, obwohl sie nur einen kleinen Teil der eigentlichen Leistungen zahlen. Die schlanke staatliche Kasse kommt mit 6,99 Milliarden aus.[7] Zwei Apparate, die nebeneinander abrechnen, sind eben teurer als einer.

MYTHOS: Frankreich macht es einfach besser und günstiger.

FAKT: Etwas günstiger und bei einigen Ergebnissen besser, ja. Aber erkauft mit einem strukturellen Defizit von rund 14 Milliarden Euro im Jahr und 145 Milliarden Euro aufgelaufenen Sozialschulden.

Quelle: Cour des comptes, HCFiPS, CADES

Wo die versteckten Kosten landen

Damit sind wir beim Kern. Frankreichs Kosten sind nicht niedriger als die deutschen. Sie sind nur anders verteilt und besser versteckt. Es gibt drei Orte, an denen sie wieder auftauchen, und an keinem schaut man zuerst hin.

Die Altersfalle der Mutuelle

Die solidarische Mutuelle hat einen eingebauten Haken. Anders als die deutsche PKV legt sie kein Kapital für das Alter zurück. Die Prämien werden jedes Jahr neu kalkuliert und steigen mit dem Alter steil an. Ein 20-Jähriger zahlt im Schnitt 36 Euro im Monat, ein 85-Jähriger 142 Euro. Ein Viertel der über 85-Jährigen zahlt sogar mehr als 180 Euro.[8]

Genau dort, wo der deutsche Privatversicherte von seinen über Jahrzehnte angesparten Rückstellungen profitiert, zahlt der französische Rentner am meisten. Die schöne Solidarität der Annahmepflicht hat im Alter ihren Preis, und den trägt jeder selbst.

Die Zuzahlung durch die Hintertür

In Frankreich gibt es zwei Sorten von Ärzten. Die einen rechnen genau den Tarif ab, den die Kasse festgelegt hat, das ist der sogenannte Sektor 1. Die anderen dürfen frei draufschlagen: Sie verlangen mehr, als die Kasse vorsieht, und der Patient bekommt trotzdem nur den festen Kassentarif erstattet. Den Aufschlag zahlt er aus eigener Tasche. Das ist der Sektor 2, und er breitet sich aus.

Das Volumen dieser Aufschläge, auf Französisch dépassements d’honoraires, erreichte 2024 rund 4,3 Milliarden Euro. Inzwischen rechnen 56 Prozent der Fachärzte so ab, bei den neu Niedergelassenen sind es sogar drei Viertel.[12] Bei gefragten Spezialisten und in den Großstädten ist ein Arzt ohne Aufschlag oft kaum noch zu finden, man hat also gar nicht die freie Wahl.

Die Folge ist ein Zwei-Klassen-Zugang trotz universeller Versicherung. Bei einer künstlichen Hüfte zahlt fast die Hälfte der Patienten einen Aufschlag, bei jedem zehnten sind es über 1.000 Euro. Wer eine gute Mutuelle hat, bekommt das erstattet. Wer nicht, zahlt selbst oder verzichtet.

Die Lücke auf der Landkarte

Und dann ist da der Zugang in der Fläche. Trotz universeller Versicherung finden 6,7 Millionen Franzosen keinen festen Hausarzt, und rund 30 Prozent leben in einer medizinisch unterversorgten Region, einer der berüchtigten „déserts médicaux“.[13] Deutschland hat mehr Ärzte pro Kopf und noch das dichtere Netz. Auf dem Papier ist der Zugang in Frankreich für alle gleich. In der Fläche ist er es nicht.

Die ehrliche Frage

Stellen Sie die drei Orte nebeneinander, und ein Muster wird sichtbar. Deutschland zeigt seine Kosten offen: Der Beitragssatz steht auf jeder Lohnabrechnung, schwarz auf weiß. Frankreich versteckt sie an Stellen, die man erst auf den zweiten Blick sieht: in den Staatsschulden, in einer breiten Steuer, in der Mutuelle-Prämie im Alter und in den Aufschlägen beim Facharzt.

Frankreichs Kosten sind nicht niedriger. Sie sind nur besser versteckt.

Beide Systeme sind teuer. Die ehrliche Frage ist deshalb nicht, wer das billigere System hat, sondern wo ein System seine Kosten versteckt und wen es damit trifft. In Deutschland trifft es sichtbar den Erwerbstätigen. In Frankreich den Rentner, den Steuerzahler von morgen und den Patienten ohne gute Zusatzversicherung.

Was Deutschland von Frankreich lernen kann (und was nicht)

Wenn beide Systeme ihre Kosten nur unterschiedlich verstecken, lohnt der Blick nach Frankreich trotzdem. Denn der Nachbar widerlegt zwei deutsche Denkverbote, und das ist die eigentliche Nachricht dieses Vergleichs.

Übertragbares

Das erste Denkverbot lautet: Die Krankenversicherung muss am Lohn hängen. Frankreich zeigt, dass das nicht stimmt. Die CSG beweist, dass man die Finanzierung auf alle Einkommen legen kann, auf Renten und Kapital genauso wie auf Gehälter. Das macht das System unabhängiger von der Frage, wie viele Menschen gerade sozialversicherungspflichtig arbeiten. Deutschland diskutiert genau das seit Jahren unter dem Stichwort Bürgerversicherung, ohne es umzusetzen. Frankreich hat es getan.

Das zweite Denkverbot lautet: Private Versicherer führen zwangsläufig zur Zwei-Klassen-Medizin. Auch das stimmt nicht. Die Mutuelle beweist, dass private Anbieter in einem Solidarsystem funktionieren können, wenn man ihnen die Risikoauswahl verbietet. Markt ja, Rosinenpickerei nein. Das ist ein anderer Umgang mit dem Privaten als die deutsche PKV, die den Ausstieg der guten Risiken geradezu einlädt.

Nicht übertragbar oder nicht ohne Folgekosten

So einfach kopieren lässt sich das aber nicht. Die deutsche PKV hält über 300 Milliarden Euro an Alterungsrückstellungen, die als Eigentum der Versicherten geschützt sind. Ein Wechsel zum französischen Modell würde an diesem Bestand und an der Berufsfreiheit der Versicherer scheitern. Man kann ein gewachsenes Zwei-Säulen-System nicht per Federstrich in ein Stapel-System umbauen.

Und die französische Lösung hat ihre eigenen Schattenseiten, die man gleich mitimportieren würde. Die Mutuelle-Altersfalle ist eine Warnung: Wer private Zusatzversicherung ohne Rückstellungen ausbaut, lässt die Prämien im Alter explodieren. Die CSG wiederum trifft auch Rentner und Kapital, was verteilungspolitisch heikel ist, wie die Gelbwesten gezeigt haben.

Die unbequeme Schlussfolgerung

Frankreich beweist, dass zwei deutsche „Das geht halt nicht“-Sätze falsch sind. Man kann den Lohn entlasten, und man kann Private ohne Klassenspaltung zulassen. Aber beides hat einen Preis, der nur an anderer Stelle auftaucht.

Was Sie tun können

Wenn Sie über Bürgerversicherung oder Steuerfinanzierung mitreden, achten Sie auf eine Frage, die selten gestellt wird: Wo landet die Last, und wer trägt sie? Frankreich zeigt, dass man den Lohn entlasten kann, aber die Kosten tauchen woanders wieder auf, bei Rentnern, bei künftigen Steuerzahlern, bei Patienten ohne gute Zusatzversicherung.

Eine Reform, die nur die sichtbare Last verschiebt, hat die Kosten nicht gesenkt, sondern nur umsortiert.

Gegenbefund spricht sich hier weder für noch gegen eine Steuerfinanzierung oder Bürgerversicherung aus. Aber wer das französische Modell bewundert, sollte die ganze Rechnung lesen, das Defizit und die Altersprämien inklusive. Und wer das deutsche verteidigt, sollte erklären, warum der Faktor Arbeit die Last fast allein tragen muss. Keine der beiden Fragen ist mit „das geht halt nicht“ beantwortet.

Häufig gestellte Fragen

Wie funktioniert das Gesundheitssystem in Frankreich?

Frankreich hat wie Deutschland ein System aus Krankenkassen und Pflichtbeiträgen, organisiert es aber als eine einzige große Kasse ohne Wettbewerb (die CNAM für 88 Prozent der Bevölkerung). Jeder hat zwei Schichten: die staatliche Assurance Maladie als Basis und eine private Mutuelle als Zusatz. Finanziert wird kaum noch über Lohnbeiträge, sondern über eine breite Abgabe auf alle Einkommen (die CSG) und weitere Steuern.

Arbeitnehmer zahlen seit 2018 keinen eigenen Krankenversicherungsbeitrag mehr. Stattdessen finanziert die CSG, eine Abgabe auf alle Einkommen, einen großen Teil. Der Arbeitgeber zahlt seinen Beitrag aber weiter. Die Last ist also nicht verschwunden, sondern verschoben, vom Lohn hin zu einer breiten Steuer.

Die Contribution sociale généralisée ist eine Sozialabgabe auf nahezu alle Einkommen: Löhne, Renten, Kapitalerträge. Sie liegt bei 9,2 Prozent und finanziert große Teile der französischen Sozialversicherung, darunter die Krankenversicherung. Anders als der deutsche Lohnbeitrag trifft sie nicht nur die Erwerbsarbeit, sondern jede Einkommensart.

Eine private oder gemeinnützige Zusatzversicherung, die die Lücken der staatlichen Kasse füllt, etwa Eigenanteile, Zahnersatz, Brillen und Honoraraufschläge. 96 Prozent der Franzosen haben eine. Im Marktstandard dürfen die Mutuelles niemanden wegen Krankheit ablehnen, anders als die deutsche private Krankenversicherung.

Bei einigen großen Kennzahlen ja: höhere Lebenserwartung, niedrigere vermeidbare Sterblichkeit, etwas geringere Ausgaben. Bei anderen nein: Deutschland hat eine niedrigere Mütter- und Säuglingssterblichkeit und mehr Ärzte pro Kopf. Und Frankreich erkauft seine Ergebnisse mit einem strukturellen Defizit von rund 14 Milliarden Euro im Jahr.

Faktisch eine Einheitskasse: Die staatliche Assurance Maladie deckt alle ab, es gibt keinen Wettbewerb der Kassen und keinen Vollausstieg wie bei der deutschen PKV. Eine reine Bürgerversicherung ist es nicht, weil die private Mutuelle als zweite Schicht eine wichtige Rolle spielt. Aber der Grundzugang ist universell, und niemand kann sich aus dem Solidarsystem herauskaufen. —

Gegenbefund Newsletter

Was unsere Nachbarn anders machen?

Einmal im Monat eine Datenanalyse zum deutschen Gesundheitssystem, die du woanders nicht findest. Kostenlos, jederzeit kündbar, keine Werbung.

DSGVO-konform, gehostet in Deutschland. Keine Tracking-Pixel.

Quellen

  1. OECD — Health at a Glance 2025: OECD Indicators
    Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben, BIP-Anteil, Lebenserwartung, Ärztedichte, vermeidbare Sterblichkeit Deutschland und Frankreich im Vergleich
    → oecd.org/en/publications/health-at-a-glance-2025
  2. Eurostat — Preventable and treatable mortality statistics (Europäische Kommission)
    Vermeidbare und behandelbare Sterblichkeit, Ländervergleiche, Trends nach Todesursache und Alter
    → ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained
  3. Cour des comptes — La situation financière de la sécurité sociale (Frankreich)
    Finanzielle Lage der Sozialversicherung, Defizit der Krankenkasse (branche maladie) 2024 −13,8 Mrd. €, Prognosen bis 2029
    → ccomptes.fr/2024-11/situation-financiere-securite-sociale.pdf
  4. CGSP / HCFiPS — État des lieux du financement de la protection sociale 2024 (Frankreich)
    Defizit-Prognosen für Sicherungszweige, Strukturelle Defizite der Krankenversicherung bis 2029
    → strategie-plan.gouv.fr/publications/etat-lieux-financement-protection-sociale
  5. CADES — Caisse d’Amortissement de la Dette Sociale (Frankreich)
    Sozialschulden aus Krisen, aktuelle Schuldenquote 145 Mrd. €, CRDS-Schuldensteuer 0,5 %, Tilgungsplan bis 2033
    → cades.fr
  6. OECD — Revenue Statistics 2024
    Steuer- und Abgabenquoten als Anteil des BIP, Ländervergleiche Frankreich und Deutschland
    → oecd.org/en/publications/revenue-statistics-2024
  7. DREES — Comptes de la santé (Frankreich, Ministerium Solidarité)
    Gesundheitsausgaben, Verwaltungskosten der Assurance Maladie und Complémentaires (Mutuelles), Anteil an Gesamtausgaben
    → drees.solidarites-sante.gouv.fr
  8. DREES — Datastory: Complémentaire santé 2023 (Frankreich)
    Mutuelle-Prämien nach Alter, Einzelvertrag 20-Jähriger 36 €/Monat vs. 85-Jähriger 142 €/Monat, Altersabhängigkeit ohne Alterungsrückstellungen
    → drees.solidarites-sante.gouv.fr/sante-dataviz
  9. Sénat français / Assemblée nationale — Projet de loi de financement de la sécurité sociale 2018 (PLFSS 2018)
    CSG-Erhöhung +1,7 Punkte (7,5 % → 9,2 %), Abschaffung Arbeitnehmer-Krankenversicherungsbeitrag 0,75 %, Beschlüsse zur Gegenfinanzierung
    → senat.fr/rap/a17-068 (Sénat-Bericht zur PLFSS 2018)
  10. The Commonwealth Fund — International Health Care System Profiles: France
    Systemstruktur Frankreich, Finanzierungsmix, Mutuelles-Abdeckung 96 %, Wahlfreiheit und Zugang, Vergleich mit anderen OECD-Ländern
    → commonwealthfund.org/international-health-policy-center/countries/france
  11. Bundesgesundheitsministerium / GKV-Spitzenverband — Finanzierung der GKV 2026
    Allgemeiner Beitragssatz 14,6 %, durchschnittlicher Zusatzbeitrag 2,9 %, Beitragssatzbindung, Bundeszuschuss, Beitragssatzstabilität
    → bundesgesundheitsministerium.de/finanzierung-gkv
  12. HCAAM — Les dépassements d’honoraires des médecins: état des lieux 2025 (Frankreich)
    Honoraraufschläge (Dépassements) Volumen 4,3 Mrd. €, 56 % der Fachärzte im secteur 2, Anteil Neuzulassungen im secteur 2 gestiegen, Patienten-Zuzahlungen
    → strategie-plan.gouv.fr/publications/hcaam-depassements-honoraires-medecins
  13. Docndoc / CNOM — Bilan 2025 des déserts médicaux (Frankreich)
    Anzahl Menschen ohne Hausarzt 6,7 Mio., 30,2 % in unterversorgten Zonen, 151 Vorrang-Zonen, regionale Verteilungskrise
    → docndoc.fr/medecins/bilan-2025-des-deserts-medicaux

Zuletzt aktualisiert: Juni 2026

Andrey Belkin
Andrey Belkin
Gründer und Autor von Gegenbefund
Andrey Belkin ist Chemiker (M.Sc., Universität Stuttgart), arbeitet in der Pharmaindustrie und analysiert auf Gegenbefund mit eigenen Datenauswertungen, warum Deutschland Premiumpreise für durchschnittliche Gesundheitsergebnisse bezahlt.